WITTGENSTEIN – GENERATOR

In his creative process the Austrian artist Jochen HÖLLER (*1977) visualizes themes from society, technology, religion and culture, thereby tracing their complexity and range and situating them in a broad context. Without obscuring the root of the matter, he cleverly delivers new thought-provoking topics with the humor of artistic practice. Höller plays with conventional notions of order and information transfer, he questions the comfortable habit of consuming information in a ready-made form and takes advantage of an active use of cultural artifacts, which are, according to Michel Foucault: „ … as an archive, not the totality of texts that have been preserved by a civilization or the set of traces that could be salvaged from its downfall, but the series of rules which determine in a culture the appearence and disappearence of statements, their retention and their destruction, their paradoxical existence as events and things.“

To date Höller‘s most monumental work is the „Wittgenstein-Generator“. The idea was to transform the book „Tractatus logico-philosophicus“ (TLP) by Wittgenstein into a sculpture. He cut every single word and punctuation mark out of the book to then organize the single words according to their position in the sentence. This way all of the first words of each sentence belong together, all second words, all third words, etc. All the words in the same position were organized alphabetically and reduced to the minimum – the sculpture‘s form is thus already defined by Wittgenstein‘s text in that the number of words in each position of the sentence constitute the circumfrence of the disc and the width is determined by the longest word that appears in this position. The total number of discs is again based on the longest sentence. The elaborate process of deconstruction and organization makes the reconstruction of the entire text possible and allows at the same time a new creation. Höller‘s text generator is like an icon of logic. Wittgenstein‘s aspiration to create a logic of language and philosophy with the TLP is taken up by Höller on a formal level and schematically structured down to the last detail. Just as the TLP, his sculptural interpretation conveys the appearence of the largest possible generality and conclusiveness. 

Furthermore, he leaves room for Wittgenstein‘s excess logic that also embraces nonsense, a quality that – as Wittgenstein placed beyond question – to which every such organized system adheres. Wittgenstein writes in the preface of  TLP: „It will therefore only be in language that the limit can be drawn, and what lies on the other side of the limit will simply be nonsense.“ (TLP, S. 7) The play with words and sentences offers Höller an immense potential to further development this work of philosphical grammar. The number of sentence possibilities is one with 125 digits: 2635315255935378577478621549307740029658050070743441963127897961445128341824486659981720145202461980092226600960000000000000. Therefore he had a program written that can systematically, or also randomly, generate this vast number of sentences for him. The logical structure comes full circle here in that he presents the result of the random generation again in the form of a book (retransformation).

 

PROJEKTBESCHREIBUNG: WITTGENSTEIN – GENERATOR

Höllers „Textgenerator“ stellt das monumentalste Werk in seinem bisherigen Schaffen dar und ist, wie der Name schon sagt, eine Maschine die Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ bis in seine letzten Einzelheiten und Substanzen aufbereitet. Es ist die Idee das Buch in eine Skulptur zu transformieren. Der Generator ist eine Spielwiese deren Substanz die Sätze, Wörter und Satzzeichen von Wittgenstein sind, und mit denen sowohl der Tractatus selbst aufgespürt werden kann, als auch neue Satzkombinationen und Texte entstehen können.

Höllers Konzept der Dekonstruktion und Neuordnung ist auch hier Grundprinzip seiner Arbeit. Zugleich verfolgt er mit diesem Verfahren auch eine gewisse Funktion, die dem Werk immanent sein soll. Minutiös zerlegt Höller nämlich Wittgensteins Text, schneidet jedes einzelne Wort und Satzzeichen aus dem Buch um dann die einzelnen Wörter gemäß ihrer Position im Satz neu zu ordnen. So gehören alle ersten Wörter jedes Satzes zusammen, alle zweiten Wörter, alle dritten Wörter, usw.. Alle Wörter der gleichen Position werden dann alphabetisch geordnet, die doppelt vorkommenden aussoriert und nacheinander auf einem Papierstreifen angeordnet, welcher dann über eine Scheibe geklebt wird, deren Durchmesser sich aus der Anzahl der an der jeweiligen Position befindenden unterschiedlichen Wörter ergibt, und deren Dicke durch das jeweils längste Wort an dieser Position bestimmt ist. Die Form der Skulptur ist also schon durch Struktur des Textes Wittgensteins bestimmt. Die einzelnen Scheiben sind nacheinander auf einer Achse positioniert beginnend mit den Wörtern der ersten Position und endend mit Position 80, der Scheibe mit dem kleinsten Durchmesser, da nur ein Satz aus einer so hohen Anzahl an Wörtern gebaut ist. Die einzelnen Scheiben lassen sich um ihre eigene Achse drehen, wodurch jeder einzelne Satz aus Wittgensteins Tractatus wieder rekonstruiert werden kann. Das ausgeklügelte Verfahren der Dekonstruktion und Ordnung macht die Rekonstruktion des gesamten Textes möglich und bringt gleichsam eine Funktion hervor die, neben der Rekonstruktion auch die Neukreation möglich macht. Denn durch den Vorrat an Wörtern, die jede Scheibe beinhaltet, kann jedes Wort mit jedem beliebigen Wort der darauffolgenden Scheibe und wieder darauffolgenden Scheibe in einen Zusammenhang gebracht werden und mehr oder weniger sinnvolle oder absurde Satzkombinationen generiert werden. Die Anzahl der Satzmöglichkeiten ist eine Zahl mit 125 Stellen:
2635315255935378577478621549307740029658050070743441963127897961 445128341824486659981720145202461980092226600960000000000000

Höllers Textgenerator ist wie eine Ikone der Logik. Wittgensteins Anspruch durch den Tractatus eine Logik der Sprache und damit auch der Philosophie zu schaffen, wird von Höller auf formaler Ebene aufgegriffen und schematisch bis ins letzte Detail durchstrukturiert. Höllers skulpturale Umsetzung vermittelt ebenso wie der Tractatus den Anschein größtmöglicher Allgemeinheit und Endgültigkeit. Darüber hinaus lässt Höller auch Raum für Wittgensteins Übersteigerung der Logik, der auch Unsinn als Möglichkeit innewohnt, eine Eigenschaft, die – wie Wittgenstein außer Frage stellte  – jedem noch so durchorganisierten System anhaftet. „Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist.“, so Wittgenstein (6.54). Am Ende von Höllers schematischer Aufarbeitung des Tractatus, der bis aufs letzte Detail durchstrukturierten Textmaschine, wird von Höllers Generator selbst der „Sinn dieser Übung“ hinterfragt. Denn was kommt nach dieser Zerlegung und Aufarbeitung? Die mögliche Absurdität, die nun mit den verschiedenen Textbausteinen kreiert werden kann? Und doch bleibt dies vielleicht sogar das Unaussprechliche an diesem Werk, das sich erst in Zukunft durch die unterschiedlichsten Neukreationen Höllers weisen wird. Ganz im Sinne Wittgensteins, denn „wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Für die Neukreation der Sätze wurde ein Programm geschrieben, mit der die Satz-Kombinationen durch Zufallsprinzip generiert werden können. Das Ergebnis des Generators ist ein Buch das Höller mit seiner Maschine geschrieben hat: „An vielmehr nahe muß wirklich“, 308 Seiten, Gebunden; Es ist sozusagen die Rückführung von der Skulptur zurück in ein Buch.

Autorin: Lili Hargassner

 

Nachwort im Buch „An vielmehr nahe muss wirklich“:

Jochen Höllers „Wittgenstein-Generator” lässt der Kreativität des Zufalls freien Lauf. Die Publikation zeigt sich als rekombinatorischer Schlüssel des zeitgenössischen Themas algorithmischer Möglichkeitsformen. Ein technokultureller Zustand der Ungewissheit ohne dies explizit zu thematisieren. Freiräume der Unwesentlichkeit des Wissens, die abseits einer entfesselten Kontextualierung der vorliegenden Datengenerierungen in Form einer experimentellen Assoziation offen bleibt. In Hinsicht auf das philosophische Schlüsselwerk Ludwig Wittgensteins, schafft Höllers Arbeit eine abstrakte Versinnbildlichung in Publikationsform. Eine konsequente Auseinandersetzung mit geordnetem Chaos aus Bezügen des Schaffens seiner Zeit. Kontingenz zeigt sich in diesem Zusammenhang als komplexe Ordnung von Willkür und nimmt Abschied von dogmatischen Zwängen. Höllers Ansatz kombiniert auf eigenwillige Weise zwei theoretische Diskurskomplexe: Tätigkeiten die zum hervorbringen von Werkzeugen (»poiésis«) verrichtet werden und Tätigkeiten welche als Tätigkeit an der Tätigkeit (»praxis«) gesehen werden können. Eine Themenstellung die sich als abstraktes Ordnungs- und Organisationsprinzip von Kunstschaffen in Höllers Tun laufend präsentiert. Ob eine Kakologie im Lesen einer neuen Ordnung von Abhandlungen der philosophischen Art zwangsläufig etwas bedeuten muss bleibt unbeantwortet, doch stellt es Tatsachen auf den Kopf und lässt uns staunen.

Autor: Dr. Georg Russegger

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