Jochen Höller

Der Versuch einer Gliederung 

Von Eva-Maria Bechter

 Aus einer Rezension von Gerhard Roths Buch „Aus der Sicht des Gehirns“ lässt sich folgende Aussage entnehmen: „Das Buch versucht, mit Hilfe der Erkenntnisse der modernen Neurobiologie und Hirnforschung Fragen zu beantworten, die seit jeher Philosophen, Einzelwissenschaftler und alle denkenden Menschen beschäftigt haben: Sind wir Menschen einzigartig? Wie entsteht unsere Bewusstseinswelt? Können wir die Welt erkennen, wie sie ist, oder nehmen wir nur Konstruktionen unseres Gehirns wahr? (...) Das Buch präsentiert die Umrisse eines neuen Menschenbildes, das naturwissenschaftlich begründet ist und zugleich Einsichten der Geistes- und Sozialwissenschaften berücksichtigt.“

Jochen Höller untersucht in seiner Kunst ebenfalls „Gehirnströme“, Gehirnwindungen, die bei ihm aus dem Momenthaften entstehen, subjektiv sind und sowohl von der Vollständigkeit wie auch von dem verdrängten und/oder vergesslichen „Versagen“ geprägt sind. Auf einer fünfseitigen Liste schreibt er all jene Bücher – Autoren und Titel – auf, die er in seinem Leben bis dato gelesen hat. Mittels einer Nummerierung bringt er diese Liste in eine Reihenfolge. Welches Buch hat er zuerst gelesen, welches hat als Letztes seinen Geist erfreut. Ein offener Prozess, der stetig neues Material hinzufügen lässt. Wo die Nummerierung alleine nicht mehr funktioniert, bediehnt sich Höller auch der Querverweise mit Hilfe von rotem Buntstift; die Kunstkataloge etwa werden in Unterkapitel aufgeteilt (a, b, c, etc.) Der Betrachter identifiziert den Versuch einer Vollständigkeit – wohlgemerkt, ein Versuch. Denn in dieser Arbeit schwingt immer auch die Erinnerung mit, die Vergesslichkeit oder eben auch das zuvor beschriebene Verdrängen. Und doch verweilt der Betrachter vor der Arbeit, beginnt zu lesen und fühlt sich als kleiner Voyeur, der etwa bei einer Cocktailparty an seinem Glas nippend vermeintlich den Gesprächen seiner Gegenüber zuhört und in Wirklichkeit die Buchrücken im fein säuberlich aufgeräumten Regal seines Gastgebers inspiziert. Hat dieser diese Meilensteine der Literatur wirklich alle gelesen? Lässt sich daraus ein Rückschluss auf seine Persönlichkeit ableiten? Fragen, denen Jochen Höller in seiner Arbeit ebenfalls nachgeht. So hat er Freunde nach ihren letzten zehn gelesenen Büchern befragt und diese in eine kreisförmige Ordnung gebracht. In der Mitte steht das Subjekt selber – Jochen Höller als Künstler. Um ihn kreisen seine Freunde, und von diesen wiederum gehen die Strahlen auf die einzelnen Werktitel zu. Ist der Freund auch wirklich ehrlich? Wird er auch zugeben, wenn ein Werk der Bellestrik darunter ist und nicht nur Kunst- und Philosophische Bücher den Geist erfreut haben?

Eine eigene Momentaufnahme lässt Höller aber auch zu, wenn er etwa wie im Werk Soziogramm sein soziologisches Netzwerk „veröffentlich“. Nicht per Mausklick auf facebook kann man hier erkennen, mit wem er vermehrt verkehrt, sondern anhand eines mit Bleistift auf Papier angebrachten Mind-maps. In der Mitte lesen wir seinen eigenen Namen. Mit etwas Abstand werden nun Namen aus seinem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis zugeordnet. Nach der Häufigkeit des Kontakts – wie er betont. Dass es sich bei dieser Arbeit, genauso wie auch in der Bücherliste nur um einen momenthaften Blick auf sein eigenes soziologisches Netzwerk handelt ist, muss hier nicht weiter erleutert werden.

Den „Drang“, das Wissen in strukturelle und wissenschaftlich anerkannte Diagramme bzw. Strukturen zu bringen, zeigt sich in den Arbeiten Höllers, in denen er auf bekannte Bücher zurückgreift. So zerlegt er etwa Isaak Asimovs Fantasie-Kurzgeschichte Jokester in die einzelnen Worte und klebt diese in alphabetischer Reihenfolge wieder zusammen. Des öfteren kann man so die Worte „laugh“, „like“, „line“ usw. hintereinandergereiht ausmachen. Die Verfremdung der schriftstellerischen Arbeit könnte kaum größer sein. Nicht anders geht Höller vor, wenn er etwa aus einer Abhandlung von Sigmund Freud alle „ichs“ und „wirs“ herausschneidet und diese in zwei Kreisen gegenüberstellt. (Der Druchmesser des „ichs“ ist um einiges größer.)

Das zu Beginn angesprochene Werk von Gerhard Roth wird in seine 12 Kapitel aufgeteilt, d.h. jede Zeile dieser Kapitel separiert Jochen Höller und klebt diese in kreisförmiger Anordnung wieder zusammen. Was daraus entsteht, ist ein Über- und Untereinander von Buchzeilen, ein scheinbares Chaos, eine „Überarbeitung“ des gesamten Werkes. Einzelne Fragmente sind noch lesbar; andere verschwinden. Die Anordnungen der einzelnen Buchfragmente werden von Höller auf den Inhalt des jeweiligen Werkes zurückgeführt. So erscheinen etwa Liebesroman bzw. Ärtzeroman in einem wirren Konglommerat an Textzeilen. Heideggers Sein und Zeit hingegen, wird trotz seiner enormen Geschlossenheit durch das Erkennen eines Anfangs und eines Endes wieder zu einer strukturierten Aneinanderreihung.

Neben dem Abspekt der textlichen Struktur sind die Arbeiten von Jochen Höller aber natürlich auch vom ästethisch abstrakten minimalistischen Standpunkt aus zu betrachten. Jede Collage spielt in ihrer Ausführung auch mit der Dreidimensionalität, drängt durch Überlagerungen in den Raum, kommt wieder zurück, wirkt in der Entfernung wie ein gestisches Linienspiel à la Twombly. Die Absurdität dieses Vergleiches liegt in der Zeitlichkeit. So sind zwar die Arbeiten von Jochen Höller stets momenthafte auf das Jetzt beschrängte Aussagen, und doch steckt in der Ausführung ein enormer Zeitaufwand. Twombly etwa realisiert seine Werke in einer gestischen „Erruption“ – es gelingt oder es misslingt, dies aber in einer zeitlich überschaubaren Gestik.