Text zur Ausstellung "unsichtbar - widerständiges im Salzkammergut" Strobl:
Wir alle haben uns schon öfter dabei ertappt, in fremden Wohnungen die Buchrücken zu inspizieren, um dann über den Charakter ihrer BesitzerInnen zu spekulieren. Camus, Bernhard, Dostojewski, Kafka, Thomas Mann, allesamt Autoren, die wohl seit der Schulzeit ihren festen Platz im Regal haben. Wer Florian Illes, Michel Houellebeq oder Rocko Schamony liest, dem haftet gewissermaßen das Etikett „trendy“ an. Auch den französischen Soziologen Pierre Bourdieu zu studieren, gehört in manchen Zirkeln zum absoluten Muss.
Was können wir anhand der Lektüre eines Menschen über ihn erfahren? Welches Bild machen wir uns von einer Person aufgrund von Zahlen, Daten und Fakten?
Dergleichen Fragen spürt Jochen Höller nach. Auf fünf Blättern hat er alle Bücher notiert, die er bislang gelesen hat. Eine Art Soziogramm, in dessen Zentrum er seinen Namen gesetzt hat und darum herum die Namen all jener, die ihn umgeben, bildet – neben Texten über den Künstler und einer Reihe anderer Arbeiten auf Papier – einen weiteren Bestandteil seines Beitrags, der mit synoptischen Gegenüberstellungen operiert.
Indem Höller einerseits Information preisgibt, andererseits es aber den BetrachterInnen überlässt, diese spezifisch zu deuten, nimmt er direkt Bezug auf den doppelsinnigen Ausstellungstitel „unSichtbar“. Er verweist zudem auf das Dilemma der Kommunikation im Allgemeinen: Wir benutzen zwar dieselben Begriffe, verbinden aber individuelle Vorstellungen damit. Des Pudels Kern also ist: Eine objektive Wahrheit gibt es nicht.
Text: Manisha Jothady (geb. 1971) lebt und arbeitet als freiberufliche Kunstkritikerin in Wien. Studium der Germanistik und Kunstgeschichte. 2000 – 2002 Redakteurin bei frame (Wien), 2002 – 2005 Redakteurin bei Camera Austria (Graz). Neben Katalogbeiträgen Publikationen in u.a. Die Presse, artmagazine, Camera Austria, spike.