Text zur Ausstellung "Memory Circus" im Salzburger Kunstverein 2008;
Listen, Kreise, Verweislinien oder Tableaus – diese Elemente wissenschaftlicher Tafeln finden sich in den Papierarbeiten Jochen Höllers. Ursprünglicher pädagogischer Zweck dieser Schaubilder ist es, Zusammenhänge sichtbar zu machen und einen ersten Überblick über komplexe Strukturen zu geben. Das spätere intensive Studium wird durch diese erleichtert.
Im Falle von Jochen Höller sind es keine Studienergebnisse, die anschaulich präsentiert werden sollen. Die Inhalte generieren sich auf eine entscheidend unterschiedliche Art und Weise. Zu Beginn steht ein Konzept, ein Vorhaben, vielleicht sogar eine Hypothese. Die Grafiken entstehen dann aus dem Gedächtnis und sind keinen allgemein vorgegebenen Standards verpflichtet. In den meisten Anordnungen steht der Künstler selbst im Mittelpunkt, um ihn herum werden Datenmengen angeordnet. Allen Bildern gemein ist die Momentaufnahme, die zudem von niemand verifizierbar ist. Zu einer anderen Zeit ist das Bild im gegenwärtigen Zustand nicht wiederholbar. Nur durch die Erinnerung erzeugt, entstehen Lücken, die erzeugten Listen sind somit ebenso durch das Vergessen bestimmt, wie durch Vorlieben und Vertuschung. Aufgezeigt werden Parameter, die eine Person entscheidend bestimmen: der Bekanntenkreis, die Leseliste, der Familienstammbaum oder das Wissen der Anderen. Selbst wenn man alle diese dargestellten, unsichtbaren Prozesse kennen würde, so ist es doch nicht möglich, die Person, der diese zugeschrieben werden, dahinter festzumachen. Gewiss steigen oder sinken die Erwartungshaltungen und das Vorurteil, z.B. anhand gelesener Werke. (Eine Randnotiz: Das popkulturelle Phänomen der Bestenliste ist auch Ort der Selbstinszenierung. Bestimmte Angaben und wie diese vermittelt werden, sind verpflichtende Distinktionsmerkmale verschiedener Gruppen.)
Die Fragestellung muss lauten: Kann anhand dieser Daten eine Aussage über eine Person getroffen werden? Inwieweit bestimmt ein solches Wissen (sofern es zugänglich ist) die Vorstellung von einer Person? Sind Entscheidungen, eine Person betreffend, von solchen Informationen beeinflusst?
Text: Manfred Wiplinger